Dienstag, 11. September 2012

Homeoffice

"Was macht so eine Mutti eigentlich den ganzen Tag? Die haben doch alle Zeit ohne Ende!".... Ja, so hab ich das auch gesehen bis Babynella auf die Welt kam. Und am Anfang war das auch so (bei mir, längst nicht bei allen Muttis die ich kenne). Babynella schlief viel, ich hatte Zeit die Wohnung umzugestalten, mit Freundinnen Kaffee zu trinken, mit Kinderwagen durch die Stadt zu jückeln. Zu tun hatte ich weit mehr als ich angenommen hatte, dennoch: Schön war's!

Allerdings spätestens als ich sechs Monate nach Babynellas Geburt wieder anfing zu arbeiten, änderte sich vieles. Zunächst habe ich nur einige Projekte begleitet, inzwischen arbeite ich im Rahmen der Elternzeit 30 Stunden die Woche, davon 2 Tage im Büro, 2 Tage zu Hause. Luxuriöse Bedingungen für die ich sehr dankbar bin. Als in meiner Firma das Homeoffice eingeführt wurde sagte unser Personalchef "Wir bieten diese Möglichkeit gerne jungen Eltern an. Natürlich muß das Kind in der Zeit betreut sein und sollte nicht unterm Schreibtisch spielen.". Tut es auch nicht, lieber Personalchef, keine Sorge. Meistens ist es irgendwo, jedenfalls dort, wo ich gerade nicht bin. Und das mit der Betreuung ist ja wohl ein Scherz. Wenn ich eine hätte, könnte ich ja auch in die Firma kommen.

Um es gleich vorweg zu schicken: Ich will und werde mich nicht beklagen, dazu gibt es keinen Anlaß. Aber an machen Tagen.... da ist einfach viel los.

Heute, 11.09.2012, 7.00 Uhr
Ich fahre noch etwas verpennt und im Schlafanzug den Rechner hoch. Der beste Mann von allen macht mir noch schnell einen Kaffee und fragt "soll ich Dir noch eben die Zeitung hoch holen?". Witzig. Sehr witzig. Als ob ich die heute auch nur angucken könnte. Danke, Schatz, tschüss. "Wie Du willst. Habt einen schönen Tag, Mädels!" Und weg ist er.

7.30 Uhr
Zuverlässig geht im Kinderzimmer die Sirene an. Mann, wird das toll, wenn Babynella einfach aufstehen und sich schon mal Frühstück machen kann....

7.35 Uhr
Babynella steht an ihrem Hochstuhl und zeigt wimmernd Richtung Radio. Bedeutet: "Ich will jetzt sofort Frühstück, und zwar mit musikalischer Untermalung!". Euer Wunsch ist mir Befehl, Eure Hoheit.

8.00 Uhr
Wir haben zu Ende gefrühstückt. Schnell ein paar Büromails von gestern beantworten. Aus dem Wohnzimmer erklingt der Song von Old McDonald - zum ersten Mal heute, ich werde ihn noch etwa 300 weitere Mal zu hören bekommen. Wenn ich in der Klapse lande werde ich den ganzen Tag diese eine Lied singen, hia, hia, hooooo!
Auf den Song folgt Gemaule, das Kind kriegt die Spielzeugkiste nicht auf - hin, öffnen, zurück. Erneutes Gemotze. Was ist jetzt schon wieder?

9.00 Uhr
Die ersten Jobtelefonate immer noch im Schlafanzug geführt. Gott bewahre, daß zum Homeoffice irgendwann ein Bildtelefon gehört. Wenn manche Kollegen wüßten... Jetzt erst mal duschen.

10.00 Uhr
Weitere Telefonate geführt, eine Reihe von Mails geschrieben. Ich seh's schon: Heute ist so ein Tag an dem ich nicht ein einziges Thema am Stück erledigt bekomme, alles bedeutet Aufwand.Zudem: Egal was ich anpacke, alle paar Sekunden wird mein Typ verlangt. Babynellas Lieblingsspiel: Sich ans Bett stellen und so lange rumfiepen bis ich komme und sie mit Schwung draufwerfe. Dann auf dem Bett rumrollen, laufen, sich schließlich wieder abseilen, auf die andere Seite rennen und das ganze von vorn. 20 Mal ist nicht genug... Normalerweise lasse ich mich nur an einem freien Tag darauf ein, heute bin ich kurz weich geworden, und jetzt ist es passiert. Und sie hat so einen Spaß dabei, daß ich es einfach nicht schaffe abzubrechen und mich meiner Veranstaltungsplanung zuzuwenden. Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich bereits geschätze 50 Mal gebückt um im Vorbeigehen Chaos zu beseitigen. Uff.

10.45 Uhr
Zeit für eine Schnapsidee: Gestern habe ich 5 kg Pflaumen erstanden, sie gewaschen und entsteint. Zum Backen hat's nicht mehr gereicht, aber das Babynella heute partout nicht gerne alleine spielt (das klappt sonst fast immer super) kann ich ja auch mal fix nen Hefeteig anrühren... Die Rechnung geht auf, Babynella kommt zugucken und ist friedlich. Im Arbeitszimmer klingelt das Bürotelefon...

11.15 Uhr
Babynella hat Hunger, Zeit für die Tigerfütterung.

11.40 Uhr
Kind im Bett, schnell die Rückrufe erledigen.

12 Uhr
Ich bin so hungrig! Ok, noch gerade eine Ausarbeitung fertig machen. Und den Hefeteig mit Pflaumen bestücken. Und die Wäsche aufhängen. Toll, sind Sachen zum Bügeln dabei, da ist der Abend ja gerettet.

13 Uhr
Kuchen im Ofen, jetzt das schwierige, Fingerspitzengefühl erfordernde Telefonat mit meiner französischen Kollegin. Auf Französisch, das ist mein Job. Aber es macht die Sache nicht einfacher.

13.40 Uhr
Ich bin immer noch soooo hungrig!!! Ok, jetzt ne kurze Pause. Nach dem ersten Löffel Joghurt klingelt das Bürotelefon. Ich faß es nicht.

13.50 Uhr
Jetzt was essen, egal was passiert. Da schreit Babynella. Das geht jetzt nicht, ich hab PAUSE!!!!

13.55 Uhr
Sie ist noch mal eingeschlafen, ein Glück.

Kuchen rausholen - endlich. Die Pflaumen waren so saftig, daß er ewig gebraucht hat und natürlich jetzt der ganze Ofen versaut ist. Ich glaub, ich laß das so.

14.20 Uhr
Babynella ist endgültig wach und möchte gern Wasserball spielen. Ich häng den halben Tag am Rechner, kann ich ihr also schlecht abschlagen.

Zurück in der Küche mahnende Worte: "Der Ofen ist heißßßßßß, da darfst du nicht drangehen, das gibt ganz böse aua, heißßßßß....bleibt genau da stehen, komm nicht näher....heißßßß!". Sie guckt mich an als wolle sie sagen "Hälst Du mich für völlig debil? Es ist warm hier drin, da steht frischer Kuchen, die Ofentür ist auf. Klar ist das heiß, glaubst Du, ich würde da jetzt drangehen? Ich bin doch nicht blöd. Aber mal was anderes: Wann gibt's denn was von dem Kuchen?".

Ich vertraue dem Instinkt meines Kindes nur begrenzt, wiederhole also beim Ausräumen der Spülmaschine immer wieder mein "heißßßßß!" und auf dem Weg ins Wohnzimmer, bewaffnet mit 3 gestapelten Gläsern aus der Spülmaschine forde ich Babynella auf mit mir zu kommen. Sie guckt nur fragend und macht stattdessen einen kleinen Schritt in Richtung Backofentür. Ich stürze panisch nach vorne, das oberste Glas aus dem Stapel kippt vornüber und zerschellt vor Babynella auf dem Boden. Toll, Mutti, gut gemacht. Kind schreit - zurecht, ist aber zum Glück unverletzt. Kind beruhigen, alles auffegen, nachwischen.... Telefon im Arbeitszimmer.

Später meinte eine Freundin zu der Szene, daß es doch super sei, daß Babynella nun mit "heiß" ein schlechtes Erlebnis verbinden würde, dann wüßte sie jetzt, daß das gefährlich sei. Ich sag mal, man muß halt erkennen können, wenn das Glas halb voll ist!

15 Uhr
Unfaßbarerweise habe ich bis auf eine Sache alles regeln können, was die Arbeit heute von mir verlangte. Ich darf Feierabend machen. Rechner aus, Schuhe an, Bürotelefon auf's Blackberry umstellen, das in die Tasche packen, raus.

15.30 Uhr
Ankunft bei einer Freundin aus der Krabbelgruppe, Zeit für die 3 K: Kaffee, Klatsch und Kohlehydrate. 4 Kinder, 4 Mütter, ein krasser Geräuschpegel und trotzdem: Ich sitze, hab nen Becher mit Kaffee in der Hand und Babynella spielt friedlich. Ok, sie bricht ständig in Tränen aus weil einer sie geschubst oder ihr was weggenommen hat, aber hey, das ist nix gegen den Marathon den ich schon bewältigt habe.

Ich müßte natürlich den Hausfrauenteil tagsüber weglassen - aber wann mach ich das denn sonst? Ich bügel oft noch um 22.30 Uhr, aber wenn's nicht die Regel würde wär das auch klasse.

Ich glaube, sowas nennt man ein erfülltes Leben. Homeoffice ist toll. :o)






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