Sonntag, 22. September 2013

Schlaflos in Bad Neuenahr

Seit ein paar Wochen erholt Babynellas Oma sich im Kurort Bad Neuenahr von einer Operation. Oder, um es aus Babynellas Sichtweise zu formulieren: Sie läßt sich dafür fit machen, endlich, endlich wieder mit ihrer Lieblingsenkelin auf den Spielplatz gehen zu können um dort mit ihr um die Wette zu rutschen.

Bei mehreren Besuchen haben wir festgestellt, daß die Gegend ganz hübsch ist und beschlossen, was draus zu machen. Somit buchten wir uns Samstag Mittag in einem der dortigen Hotels ein um zusammen mit unfaßbar vielen Rentnern (wer mal gucken will, wie das Straßenbild in Deutschland in 20 Jahren aussieht, sollte da mal hinfahren..beunruhigend...) das freundliche Herbstwochenende zu genießen.

Und ja, eigentlich wußten wir, daß das, was wir uns als Bonus ausmalten, nicht Realität werden würde. Aber man darf ja noch träumen. Vor allem als dauergestresstes Doppelarbeitnehmerpaar, das seit zweieinhalb Jahren nicht mehr ausgeschlafen hat und seitdem gemeinsam nur noch bis vor 19 Uhr auf die Straße kommt.

Das Hotel bot neben mehreren Restaurants und Bars auch ein Spa an. Schwimmbad, mehrere Saunen, herrlich! Ich schwöre, wir waren nicht auf Drogen, als wir uns erhofften, daß wir Babynella im Hotelzimmer ins Bettchen packen könnten, um danach, bewaffnet mit dem hoteleigenen Babyfon, erst schwimmen, und dann gepflegt was trinken gehen zu können.

Gut, das Babyfon gab es dann doch nicht, aber es wäre auch egal gewesen. Babynella war zwar hundemüde, ist aber schon seit Wochen, genaugenommen seit dem Beginn des Kindergartens, sowas von aufgekratzt, daß von entspanntem Hinsinken in den Schlaf keine Rede sein konnte.

Wir hatten uns betont gleichgültig bei sehr kleinem Licht auf dem Bett drapiert und versucht, eine möglichst öde Athmosphäre zu verbreiten. Aber da waren ein kleines, unbekanntes Bett, ein vom Hotel geschenkte Teddybär, und naja, und sonst liegen die Alten ja nach dem Gute-Nacht-Kuss auch nicht mehr im Zimmer rum.

Erst wurde nur geguckt, dann aufgestanden, dann die ersten Turnübungen gemacht und schließlich hieß es: "Ich möchte bitte aufstehen!". Wir sahen uns an und wußten es: Wir konnten Babynella genauso gut auch rausholen, das würde eh nichts mit unserem Ausflug ins geriatrisch geprägte Nachtleben.

So steppte also um 21 Uhr ein gutgelauntes kleines Mädchen im Eulenschlafanzug über unser Doppelbett, übte Arschbomben, sang ausdauernd "Alle meine Entchen" und "Bär und n'Appelbaum" und hatte so richtig, richtig Spaß.

Irgendwann knurrte Babynellas Papa "Die Fußballergebnisse hätt ich ja doch gern noch erfahren". Es war eh egal, also machten wir zu Babynellas Freude auch noch den Fernseher an. Da die Sportschau noch nicht lief, blieben wir kurz in der Udo-Lindenberg-Doku hängen. Nicht meine Musik, echt nicht, aber seit Samstagabend werde ich seine Lieder nie wieder hören können, ohne dabei ein kleines Mädchen zu sehen, daß aufspringt, die Arme ausbreitet, die Zeigefinger wie ein Dirigent abspreizt und anfängt wild im Bett zu tanzen. Wir wußten ja ziemlich lange nicht, ob wir lachen oder weinen sollten, damit war es dann durch: Wir entschieden uns für Lachtränen.

Ein Auszug aus den Facebook-Kommentaren unserer Freunde, die ich einfach teilhaben lassen mußte: "Go, Babynella, go!" (Von der Patentante. Das kriegst Du wieder, meine Liebe!). "Was füttert Ihr? Bei Pferden würde man das Kraftfutter reduzieren!" (Liebste N., sehr konstruktiv, wir werden darüber nachdenken. Andererseits ist Babynella halt die Tochter ihres Vaters...). "Jetzt erst recht, die Bar hat noch auf!". (Das hätten wir echt besser einfach mal gemacht, Jugendamt hin oder her.) "Sie macht's eben wie Lindenberg: Ich mach mein Ding!". (An dieser Stelle brauchte ich dann wirklich ein Taschentuch. Freunde in verzeifelten Situationen sind toll!).

Irgendwann schlief zwar der Herr Papa, die junge Dame aber noch lange nicht. Um halb zwölf hab ich ihr dann im wahrsten Wortsinn den Strom abgedreht. Musik aus, Licht aus, Hustensaft rein, Ende.

Es war nicht der Abend den wir uns erhofft hatten, aber ich halte es für möglich, daß ich ihn mein Leben lang nicht vergessen werde. Und bei der Erwähnung von Kurorten für betagte Menschen werde ich nun wohl nie wieder annehmen, daß dort nicht wirklich der Bär tanzen kann.

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